Lange Weile
von Michael J. Kranixfeld am 31. July 2010
Am Ende haben die Schauspieler keine Kraft mehr, sich zu verbeugen. Eine weint, die andere will nur noch von der Bühne. Wir klatschen. Um ihre Leistung zu honorieren, um die Nacht zu beschließen. Wir sind nicht eingeschlafen. Wir leben noch.
Sechs Stunden zuvor: Es ist elf Uhr, der Regen konnte die Hitze des Tages nicht löschen. Wir warten auf den Beginn einer Nacht, die besonders zu werden verspricht.
Der Rahmen wird gleich zu Beginn gesetzt: Eine Kakerlake läuft über die Bühne. Eine der Darstellerinnen tritt auf sie, zerquetscht sie, bis der Panzer kracht. Die Beine bewegen sich noch. Das Insekt wird nun über geschätzte 360 Minuten langsam verdursten. Dann erst endet das Stück.
Beatriz Catanis Gruppe lässt uns die Zeit, die verstreicht, ganz deutlich erleben. Dabei gelingt ihnen ein Kunststück: Die sechs Stunden fühlen sich tatsächlich wie sechs an. Nichts fliegt vorbei, nichts dehnt sich qualvoll in die Länge. Irgendwann, nach der zweiten oder dritten Pause, sehe ich den Gesichtern der anderen, dass auch sie ausharren werden, bis zum bitteren Ende. Obwohl es an unseren Kräften laugt, obwohl nicht alles unterhaltsam oder faszinierend ist. Wir schleppen uns zurück zur Bühne und lassen ein paar, die aufgegeben haben, auf den Schlafmatten zurück.
In wunderschön intimen Zwischenszenen kehren die Darsteller immer wieder zu dem Tier zurück, das über Stunden tapfer mit den Beinchen strampelt. Fast zärtlich betrachten sie das Geschöpf. Es versucht, uns zu verführen, sagen sie und lächeln.
Sie spielen, um die Nacht herum zu bringen. Ein absurder Mix aus Bewegungsmustern und Marotten, aus realistischer Erzählung und phantastischer Übersteigerung. Sie spielen Filmszenen nach, erzählen aus ihrer Kindheit, dann fallen wieder alle in den Rhythmus einer Choreographie, turnen über das Sofa und die Aktenschränke.
Es gibt keine Dynamik, keine Spannung hält länger als fünf Minuten, keine Story reicht über die Pausen hinaus. Es ist ein Anspielen gegen den Schlaf, ein Experiment zwischen geprobtem Material und Improvisation, das Ausstellen der Situation, eine vordefinierte Zeit herum kriegen zu müssen. Die Inhalte sind uninteressant, die Charaktere nur knapp vor der Belanglosigkeit – mein Gehirn ist schon bereit, ganz abzuschalten, als es dann doch wieder von einer szenischen Idee getroffen wird. Da schwappt plötzlich Energie von der Bühne herüber, doch die Initialzündung der Veränderung ist oft aufregender als die folgende Szene. Es bleibt unbefriedigend, das Stück zu betrachten, und doch will ich es zu Ende sehen. Daran arbeitet sich mein Geist ab. Die Situation selbst scheint es zu sein, die mich fordert.
Die erste Inszenierung einer Wagner-Oper, die ich sah, war Tristan und Isolde. Ich bin ob des Experiments hingegangen, mehr als fünf Stunden im Theater sitzen zu müssen. Das Überraschende – und das, was mich seitdem immer wieder zu Wagner treibt – war die Erkenntnis, wie wundervoll es sein kann, Entschlüsse in Echtzeit auf der Bühne reifen zu sehen, wie gern ich in musikalischen Spielereien ertrinken mag. Und natürlich kenne ich das Gegenteil: Sechzig-Minuten-Aufführungen, bei denen ich froh bin, dass niemandem einfiel, sie noch länger zu machen. Stücke sind zu kurz, zu lang, haben Längen im ansonsten spannenden Konzept oder Potential in der Langeweile.
Warum etwas schnell geht oder zu langsam, liegt an der Tagesform, den aktuellen Vorlieben, positiven Empfehlungen von anderen oder faszinierenden Bildern, packender Schauspielkunst, außergewöhnlichen Konzepten. Meine Maßstäbe variieren von Gruppe zu Gruppe, von Bühne zu Bühne. Jeden Tag denke ich anderes. Wer weiß, was ich über Catani vor zwei Jahren geschrieben hätte. Wer weiß, wie ich den Besuch dieser Vorstellung in zehn, fünfzig Jahren bewerte.
Als die Kakerlake endlich tot ist, geht alles ganz schnell. Ein bisschen Schluss wird angedeutet, dann ist das Stück vorbei. Wir alle müssen noch etwas sitzen bleiben. Das Nachgespräch dafür als guter Grund, bevor es raus geht, in den Tag, der sich kühl über Essen erhoben hat. Ich fahre mit dem Bus zum Hauptbahnhof. Inzwischen ist es halb sieben, die ersten rausgeputzen Großmütter sitzen neben mir, ich steige in den ICE – das also war’s.
Dieser Text ist bei Brennpunkt F! erschienen.

